Anna Bertha Königsegg

Anna Bertha Königsegg

Der Großneffe von Anna Bertha von Königsegg, Maximilian Erbgraf zu Königsegg-Aulendorf, nahm als Gast an der Eröffnung von Haus Königsegg am 9. Mai 2018 in Oberursel teil und sprach in seiner Rede über das Leben der Namensgeberin des neuen Wohnhauses für Erwachsene mit Beeinträchtigung. Hier Auszüge seiner Rede, bzw. zusammengefasste Passagen aus dem Leben der Ordensschwester:

„Meine Familie und ich waren sehr erstaunt, als wir Ihre Anfrage erhielten, ob wir einverstanden seien, wenn Sie Ihrem Wohnhaus den Namen von Anna Bertha von Königsegg gäben. Wir waren erstaunt, hatten aber natürlich nichts dagegen. Wir danken Ihnen zudem für die Sensibilität, dass Sie die Eröffnung auf den Tag ihres Geburtstages gelegt haben, den 9. Mai. Heute ist der 135ste Geburtstag meiner Großtante. Es ist uns eine Ehre, dass sie Ihr neues Haus nach ihr benannt haben, neben Ihrer weiteren Einrichtung, dem Alfred-Delp-Haus.“

Graf zu Königsegg-Aulendorf berichtete aus dem Leben der Ordensschwester, die „von Kindesbeinen an eine starke Glaubenskraft auszeichnete“. Sie sei als Jugendliche eine ausgelassene Tänzerin gewesen, habe eine gute Ausbildung genossen, sei geistig, musisch, naturwissenschaftlich und ökonomisch interessiert gewesen und eine gute Schülerin. Ihr Vater habe seine Tochter Bertha, die drei Sprachen sprach, schon früh an wirtschaftliche Themen herangeführt, die Mutter habe ihr Religiosität und praktische Caritas vorgelebt. Sie sei nicht nur Pferdeliebhaberin gewesen, sondern auch von frühester Kindheit an für sie verantwortlich gewesen.


Ihr Wunsch, einmal in ein Kloster einzutreten, habe bereits seit der Ersten Heiligen Kommunion bestanden. Die Entscheidung, in der Krankenpflege tätig zu werden und eine entsprechende Ausbildung zu absolvieren, sei während Aufenthalten auf den Gütern der Familie in der Slowakei gefallen: „Dort erlebte sie hautnah die Diskrepanz zwischen Besitz und Armut“. Deshalb habe sie sich entschieden, im Alter von 21 Jahren in den Orden der Barmherzigen Schwestern vom Hl. Vinzenz von Paul einzutreten, dessen Ordensschwestern ihre Arbeit in den Dienst von Schulen, Kranken- und Waisenhäusern in aller Welt stellten. Nach Aussagen einer Mitschwester habe Bertha von Königsegg mit Konsequenz und Striktheit und mit Hilfe eines tief gegründeten Glaubens, einem starken Willen und innerster Überzeugung der Caritas gelebt. „Ich würde sagen, eine Berufung“, so Graf zu Königsegg-Aulendorf. Als Ordensschwester war sie in vielen Städten und Ländern im Einsatz, unter anderem in Frankreich, Italien, Brasilien und Österreich.

Nach dem Anschluss Österreichs kam Bertha von Königsegg mit den Nationalsozialisten in Konflikt, deren Vorstellungen von Rassenhygiene sie zutiefst ablehnte. Die Widerstandskämpferin setzte sich während der Zeit des Nationalsozialismus offen gegen Zwangssterilisationen und Euthanasie ein. So erteilte sie rund 100 Barmherzigen Schwestern im Pflegedienst eines Landeskrankenhauses eine Dienstanweisung, die ihnen untersagte, sich an Zwangssterilisationen zu beteiligen oder Ärzten bei diesen Eingriffen zu assistieren. Auch widersetzte sie sich offen der angeblichen Verlegung von psychisch Kranken und geistig Behinderten, weil sie wusste, dass diese der Euthanasie zum Opfer fallen würden.

Ihr Engagement und Widerstand führten wiederholt zu Verhaftungen von Bertha von Königsegg. Die Nationalsozialisten versuchten erfolglos, Bertha von Königsegg zum Austritt aus dem Orden zu zwingen. 1941 wurde sie unter der Auflage, sich nur noch auf dem Gut der Familie in Königseggwald aufzuhalten, freigelassen und unter die Aufsicht der Gestapo gestellt. Erst nach Kriegsende kehrte Anna Bertha von Königsegg nach Salzburg in ihren Orden zurück.

Anna Bertha von Königsegg starb am 12. Dezember 1948.


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